Verdient Guttenberg nach seinem Plagiat eine zweite Chance?

2011-02-28 11:19 (Kommentare: 0)

Womit soll Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg eine zweite Chance verdient haben? Weil er reich und jung ist? Weil er gut aussieht, ein auffällig elegantes Benehmen hat? Wegen seiner geschliffenen Rhetorik ohne inhaltlichen Tiefgang? Ist der Ausdruck Demagoge in Deutschland schon wieder fremd geworden?

Oder sollen für Guttenberg andere Maßstäbe gelten als für jenen CDU-Senkrechtstarter in Nordrhein-Westfalen bei einem identischen Vorgang vom vollzogenen Plagiat in 2009/2010? Auch eine Promotion an der Universität Göttingen. Die Ausreden und die Entschuldigungen waren gleich. Nur Guttenberg ist adeliger Herkunft. Wieviel zählt diese Herkunft in Deutschland heute?

Bei jenem CDU Politiker nahm die Staatsanwaltschaft in Göttingen von sich aus Ermittlungen wegen des Verdachtes der Verletzung des Urheberrechtes auf. Der Fall endete mit einem Strafbefehl über 9000 Euro, ein Bußgeld über 10000 Euro und mit dem Verlust aller seiner politischen Ämter. Dieser Vorgang kann in der Lippischen Landes-Zeitung nach gelesen werden.  

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Seit ca. 10 Jahre ist Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg in der Politik. Doch  ist er zum beliebtesten Politiker Deutschlands aufgestiegen, ohne etwas Bleibendes in der Politik geleistet zu haben.  Medien sei Dank. Vornehmlich der gelben Presse. Bildzeitung und ähnliches.  Sagt dieser Tatbestand nicht eher mehr über das Qualitätsniveau der deutschen Politiker, der deutschen Medien, des deutschen Geschmacks, der deutschen Kultur aus als über die Potenz von Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg als Politiker? Im einstigen Land der Denker, Dichter und Philosophen? Oder?

Wie schon erwähnt, bleibt Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg der beliebteste Politiker Deutschlands. 39jährig. Trotz alledem! Er ist reich, gut gekleidet, gut aussehend, unauffälliges Benehmen, guter Redner. Er ist noch zu jung, um schon etwas Bleibendes in der Politik geleistet zu haben.  Aber er bringt doch schon auch in seinem öffentlichen Auftreten den Nachweis, daß ihm einige Eigenschaften fremd sind: Gewissen, Moral, Realitätsbezug, Schamgefühl und Verantwortungsbewußtsein. Voraussetzungen für eine „Lichtgestalt“ in der deutschen Politik? Wie ist sonst zu erklären, daß er als ein Verteidigungsminister dieser deutschen Republik „ohne Alternative“ sein soll? Dies meint nicht nur seine Kabinettchefin. Armes Deutschland! Nicht wahr? Oder?

Wie ist das kokettierende dumm-dreiste Verhalten von Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg zu bewerten, nachdem sein Plagiat bei seiner Dissertation  aufgeflogen ist?  Bescheinigt ihm sein Verhalten, daß er würdig ist, gesellschaftliche Verantwortung tragen zu sollen? Verläßt er sich nicht immer noch nur auf die Umfragewerte seiner Person und auf den noch scheinbar bedingungslosen Beistand der gelben Presse? Sie immer noch alles verharmlost und damit gute Auflage macht? Würde Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg einen Funken vom Realitätsbewußtsein besitzen, hätte er ahnen können müssen, daß die Gelbepresse vor allem von der Kultur der bedingungslosen Steigerung der Auflage besessen ist. Hochjubeln und Nachtretten eignen sich gleichermaßen für diesen Zweck. Und die Kultur des Nachtretens blüht in Deutschland. Erst Bücklinge machen und dann Nachtreten.

Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg wird fallen. Er wird mit seiner Strategie des unbewußt begangenen Plagiats nicht durch kommen. Nicht nur weil das unbewußt begangene Plagiat unglaubwürdig ist. Plagiat ist Verletzung des Urheberrechts. Ein strafbarer Tatbestand. Es werden Strafanzeigen erstattet. Strafverfahren werden folgen. Die Straftat hat er selbst öffentlich zugegeben. Die Strafe wird folgen. Sollte er auch einen Bonus beim Gericht haben, sollte er seine Richter vormachen können, daß er beim Abschreiben nicht beim Bewußtsein geweswn ist, wird er eventuell milder bestraft. Rosige Perspektiven. Ein wegen Plagiat vorbestrafter als Chef von zwei Bundeswehrhochschulen und deutscher Verteidigungsminister. Die Kanzlerin steht hinter ihn. Plagiat hin, Plagiat her.

Zu gegebener Zeit werden auch seine akademischen Lehrer, die Universität Bayreuth und das herrschende akademische Kulturträger für seinen tiefen Fall schon sorgen. Sie werden Gutenberg nicht solange die Stange halten wie die Parteioberen der Liberalen und der Christlichen Union. Aber solange noch auf den Sack (Guttenberg) gehauen wird, kann sich der Esel (akademischen Lehrer, die Universität Bayreuth und die herrschende akademische Kultur ) noch Zeit lassen und Guttenberg in Sicherheit wägen lassen. Aber auch ihnen steht der Rock näher als die Pflege des reichen Hochadels. Wie gesagt, Guttenberg wird fallen. Unehrenhaft. Wieviele wird er mitziehen?

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Zum Enträtseln des Phänomens „Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg“ muß die überlieferte Kultur der Guttenbergs in ihrer Familiengeschichte beleuchtet werden. Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg entstammt einem alten fränkischen Adelsgeschlecht, das bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen soll. Im Jahr 1700 soll der Kaiser Leopold I. die Guttenbergs in den Reichsfreiherrenstand erhoben haben. Die überlieferte Information sagt mir nicht, was die Guttenbergs waren, bevor sie zum Adelsgeschlecht  erhoben wurden. Zwischen dem 12. Jahrhundert bis 1700.

Es wäre nicht uninteressant zu wissen, welchen Besitzstand die Guttenbergs im 12. Jahrhundert hatten und wie die Guttenbergs heute zu einem der größten Großgrundbesitzer in dieser Republik und zu einem der reichsten deutschen Familien aufgestiegen sind. Und auch warum der Kaiser Leopold I die Guttenbergs in den Reichsfreiherrenstand erhoben hatte. Dieses Wissen würde uns helfen, die Guttenbergs und deren „Anhänge“ von heute zu verstehen. Leider hat bisher keiner diese Frage gestellt. Und wenn nicht gefragt wird, gibt es auch in der Regel keine Antworten. Warum stellen wir nie die Frage, wie die Reichen reich werden, wie die Armen arm werden und welchen Zusammenhang zwischen Armut vieler und Reichtum weniger gibt?

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Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg  macht standesgemäß sein Abitur. 1991. 20jährig. Er beendet sein Wehrdienst als Stabsoffizier der Reserve, beginnt 1992 das Studium der Rechtswissenschaften in der ehrwürdigen Universität in seiner fränkischen Heimat in Bayreuth. Gegründet wurde sie erst in 1975. In Bayreuth besteht er im Jahr 1999 das erste juristische Staatsexamen. Das zweite Staatsexamen zum „Volljurist“ hat er nicht gemacht. Er dient den Wirtschaftsunternehmen der Familie. Statt des zweiten Staatsexamen will er seine Doktorprüfung machen. Es steht einem nicht Volljuristen die Zierde Dr. jur. gut.

Das erste juristische Staatsexamen, das auch ein wissenschaftliches Diplom in der  Universität Bayreuth ist, hätte ihm die wissenschaftliche Normen und die wissenschaftliche Arbeitsweise einprägen müssen. Natürlich vorausgesetzt, daß seine akademischen Lehrer an dieser ehrwürdigen Universität Bayreuth dazu in der Lage gewesen sind. Ich melde hiermit meinen Zweifel an die Qualität dieser fränkischen Universität an.  

Guttenberg beginnt bei Bayreuther Juraprofessoren Peter Häberle und Rudolf Streinz eine Dissertation mit dem Titel „Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“. Im ersten Blick kann ich unter diesem Thema wissenschaftliches nicht erblicken. Ist etwa bei den Juristen eine bloße Beschreibung und Auswertung von sekundärer Literatur über die Entwicklung politischer Einrichtungen schon eine Dissertation taugliche wissenschaftliche Arbeit?

Guttenberg arbeitet in seiner Freizeit sieben Jahre lang. Er schafft die dazu notwendige sekundäre Literatur an und beschreibt  die konstitutionellen Entwicklungsstufen in den USA und der EU betreffend „Verfassung und Verfassungsvertrag“. Dabei hat er sich offensichtlich an seine gelernte Normen und Arbeitsweise gehalten. Rezipieren, Notizen machen und gute Stellen abschreiben.  

Wie sonst ist zu erklären, daß nach der Erhärtung des ersten öffentlichen Verdachts eines Plagiats Guttenberg die Vorwürfe noch am 16. Februar 2011 als „abstrus“ qualifizierte. Die erste und bislang die einzige Äußerung seines Doktorvaters Häberle ist augenöffnend: „Der Vorwurf ist absurd, die Arbeit ist kein Plagiat“ und „Sie wurde von mir in zahlreichen Beratungsgesprächen eingehend kontrolliert.“ Danach ist Häberle abgetaucht. Von Rudolf Streinz, der jetzt an der ehrwürdigen Ludwig-Maximilians-Universität München lehrt, habe ich noch keinen öffentlichen Kommentar zu diesem Ereignis gefunden.

Guttenberg reicht seine angefertigte Dissertation der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth ein. Die beiden Gutachter lesen die Arbeit mit ihren eigenen akademischen Wertvorstellungen, schreiben ihre Gutachten und bewerten die Arbeit mit der Höchstnote. Die Dissertation und die beide Gutachten wird fakultätsöffentlich für Kritik und Kommentare durch die Mitglieder der Fakultät ausgelegt. Nach Ablauf der Frist wurde Guttenberg an der juristischen Fakultät mündlich geprüft. Öffentlich. Alles ist glatt gelaufen.

Wäre Guttenberg intelligent, besäße er Realitätssinn und durchschnittliche Analysefähigkeit, hätte er auf seine eigenen Kosten die notwendige Pflichtexemplare herstellen lassen und in aller Stille der Universität Bayreuth ausgehändigt. Er wäre dauerhaft mit dem Grad eines Doktors der Rechte durch. Leider fehlen Guttenberg diese Fähigkeiten. Und doch soll er jener Verteidigungsminister dieser Republik „ohne Alternative“ sein? Armes Deutschland!

Was noch schlimmer ist, er hat nicht gewußt, was Plagiat ist. Nachdem die beiden Gutachter, die Fakultäts Mitglieder, ja die ganze Universität Bayreuth seine Dissertation zelebriert hat, wägte sich Guttenberg in guter gelehrter Gemeinde nicht nur von Bayreuth aufgehoben. Damit sind wir wieder bei der Qualität der Universität Bayreuth angekommen. Eigentlich mittelbar auch bei dem Verfall der Qualität der wissenschaftlichen Arbeiten an den deutschen Universitäten.

Es ist schlimm, daß keinem der akademischen Gemeinde in der Universität Bayreuth, nicht einmal Herrn Häberle, oder dem Professor Streinz an der ehrwürdigen Universität in München, selbst die Stilbrüche in der Diktion durch weitlich geklaute Stellen unterschiedlicher Verfasser aufgefallen war. Was hat die beiden angeblich herausragen Professoren als Gutachter für eine Promotionsarbeit qualifiziert? Was sagt die Fakultät dazu?

Nein. Meiner Einschätzung nach wird Guttenberg keine zweite Chance bekommen. Er war nicht gescheit genug, rechtzeitig seine Verfehlungen einzugestehen, als Busse von allen politischen Ämtern zurückzutreten und aus Erfahrung geläutert in die Politik zurückzukommen. Frau Merkel, seine akademischen Lehrer, die Universität Bamberg, die übrigen akademischen Gemeinde und die Medien werden in der nächsten Zukunft den Stab über Guttenberg schon brechen. Wenn lange genug auf den Sack Guttenberg geschlagen wird, könnte es durchaus geschehen, daß der öffentlichen Kritik außer Atem kommt und die aksdemische Gemeinde verschont bleibt, bis ein weiterer „Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg“ auf die Bühne tritt. Auch wenn ich dies für unwahrscheinlich halte.

Für die akademische Gemeinde nicht nur in Deutschland steht viel auf dem Spiel. In den Wissenschaftsbetrieben wird immer weniger Wissenschaft betrieben. Immer mehr beherrschen die Sponsoren und der Markt die Wissenschaft. Auch den renommierten Wissenschaftlern sitzt der Rock näher als die rigiden Normen der Wissenschaft und ihre tradierte Qualitätsmerkmale. Fälscherwerkstätten wie in den Vatikan sind in den Forschungseinrichtungen nicht fremd. Es wird gefälscht, gelogen und geschachert. Die heute praktizierte wissenschaftliche Arbeitsweise vor allem in den Gesellschaftswissenschaften ist zumindest fragwürdig. Unter dem Druck „veröffentliche oder verrecke“ und „bilde Zitierkartelle wenn Du weiter kommen willst“ wird viel Schrott produziert.

Diese weitergehende Kritik an die Wissenschaft und an die Universitäten ist keine Relativierung. Plagiat ist schlimm, wenn dem „geistigen Eigentum“ zugestimmt wird. Sind aber die herrschende Zitierpraxis, die zulässige Abschreibekunst und die sogenannte wissenschaftliche Überlieferungen in den Printmedien in Ordnung? Mehr darüber später. Einstweilen verweise ich auf das Buch:

LÜGEN MIT LANGEN BEINEN. Entdeckungen, Gelehrte, Wissenschaft, Aufklärung, Dokumentarische Erzählung, 440 S., ISBN 3-935418-02-7. Zu bestellen beim Acharyya Verlag für kritische Wissenschaft.

Die englische Version: LIES WITH LONG LEGS. Discoveries, Scholars, Science, Enlightment. Documentary Narration, 404 pages, Hardcover, ISBN 81-87374-32-2, SAMSKRITI, New Delhi, E-mail:madhu_moysengupta@yahoo.co.in

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